1. Der Himmel hat eine Träne geweint
Author(s): Friedrich Rückert Der Himmel hat eine Träne geweint,
Die hat sich ins Meer verlieren gemeint.
Die Muschel kam und schloß sie ein:
Du sollst nun meine Perle sein.
Du sollst nicht vor den Wogen zagen,
Ich will hindurch dich ruhig tragen.
O du mein Schmerz, du meine Lust,
Du Himmelsträn' in meiner Brust!
Gib, Himmel, daß ich in reinem Gemüte
Den reinsten deiner Tropfen hüte.
2. Er ist gekommen in Sturm und Regen
Author(s): Friedrich Rückert Er ist gekommen in Sturm und Regen,
ihm schlug beklommen mein Herz entgegen.
Wie konnt' ich ahnen, daß seine Bahnen
sich einen sollten meinen Wegen.
Er ist gekommen in Sturm und Regen,
er hat genommen mein Herz verwegen.
Nahm er das meine? Nahm ich das seine?
Die beiden kamen sich entgegen.
Er ist gekommen in Sturm und Regen,
Nun ist gekommen des Frühlings Segen.
Der Freund zieht weiter, ich seh' es heiter,
denn er bleibt mein auf allen Wegen.
4. Liebst du um Schönheit
Author(s): Friedrich Rückert Liebst du um Schönheit,
O nicht mich liebe!
Liebe die Sonne,
Sie trägt ein gold'nes Haar!
Liebst du um Jugend,
O nicht mich liebe!
Liebe der Frühling,
Der jung ist jedes Jahr!
Liebst du um Schätze,
O nicht mich liebe.
Liebe die Meerfrau,
Sie hat viel Perlen klar.
Liebst du um Liebe,
O ja, mich liebe!
Liebe mich immer,
Dich lieb' ich immerdar.
5. Ich hab' in mich gesogen
Author(s): Friedrich Rückert Ich hab' in mich gesogen,
Den Frühling treu und lieb,
Daß er, der Welt entflogen,
Hier in der Brust mir blieb.
Hier sind die blauen Lüfte,
Hier sind die grünen Au'n,
Die Blumen hier, die Düfte,
Der blühende Rosenzaun.
Und hier am Busen lehnet
Mit süßem Liebes-Ach,
Die Liebste, die sich sehnet
Den Frühlingswonnen nach.
Sie lehnt sich an zu lauschen
Und hört in stiller Lust
Die Frühlingsströme rauschen
In ihres Dichters Brust.
Da quellen auf die Lieder
Und strömen über sie
Den vollsten Frühling nieder,
Den mir der Gott verlieh.
Und wie sie, davon trunken,
Umblicket rings im Raum,
Blüht auch von ihren Funken
Die Welt, ein Frühlingstraum.
6. Liebste, was kann denn uns scheiden?
Author(s): Friedrich Rückert Liebste, was kann denn uns scheiden?
Kann's das Meiden?
Kann uns Meiden scheiden?
Nein. Ob wir uns zu sehn vermieden,
Ungeschieden wollen wir im Herzen sein.
Mein und dein, dein und mein
Wollen wir, o Liebste(r) sein.
Liebste, was kann denn uns scheiden?
Wald und Haiden?
Kann die Fern' uns scheiden?
Nein. Unsre Lieb ist nicht hienieden,
Ungeschieden wollen wir im Himmel sein.
Mein und dein, dein und mein
Wollen wir, o Liebste(r) sein.
Liebste, was kann denn uns scheiden?
Glück und Leiden?
Kann uns beides scheiden?
Nein. Sei mir Glück, sei Weh beschieden,
Ungeschieden soll mein Los von deinem sein.
Mein und dein, dein und mein
Wollen wir, o Liebste(r) sein.
Liebste, was kann denn uns scheiden?
Haß und Neiden?
Kann die Welt uns scheiden?
Nein. Niemand störe deinen Frieden,
Ungescheiden wollen wir auf ewig sein.
Mein und dein, dein und mein
Wollen wir, o Liebste(r) sein.
8. Flügel! Flügel! um zu fliegen
Author(s): Friedrich Rückert Flügel! Flügel! um zu fliegen
Über Berg und Tal,
Flügel, um mein Herz zu wiegen
Auf des Morgens Strahl!
Flügel, übers Meer zu schweben
Mit dem Morgenrot,
Flügel, Flügel übers Leben,
Über Grab und Tod!
Flügel, wie sie Jugend hatte,
Da sie mir entflog,
Flügel wie des Glückes Schatten,
Der mein Herz betrog!
Flügel, nachzufliehn den Tagen,
Die vorüber sind!
Flügel, Freunden einzujagen,
Die entflohn im Wind.
Flügel, gleich den Nachtigallen,
Wann die Rosen blühn,
Aus dem Land, wo Nebel wallen,
Ihnen nachzuziehn! Flügel! Flügel!
Ach! von dem Verbannungsstrande,
Wo kein Nachen winkt,
Flügel, Flügel nach dem Heimatlande,
Wo die Krone blinkt!
Freiheit, wie zum Schmetterlinge
Raupenleben reift,
Wenn sich dehnt des Geistes Schwinge
Und die Hüll entstreift!
Oft in stillen Mitternächten
Fühl' ich mich empor
Flügeln von des Traumes Mächten
Zu dem Sternentor.
Doch gewachsene Gefieder
In der Nächte Duft,
Mir entträufeln seh ich's wieder
An des Morgens Luft.
Sonnenbrand den Fittich schmelzet,
Ikar stürzt ins Meer,
Und der Sinne Brausen wälzet
Überm Geist sich her.
9. Rose, Meer und Sonne
Author(s): Friedrich Rückert Rose, Meer und Sonne
Sind ein Bild der Liebsten mein,
Die mit ihrer Wonne
Faßt mein ganzes Leben ein.
Aller Glanz, ergossen,
Aller Tau der Frühlingsflur
Liegt vereint beschlossen
In dem Kelch der Rose nur.
Alle Farben ringen,
Aller Duft im Lenzgefild',
Um hervorzubringen
Im Verein der Rose Bild.
Alle Ströme haben
Ihren Lauf auf Erden bloß,
Um sich zu begraben
Sehnend in des Meeres Schoß.
Alle Quellen fließen
In den unerschöpften Grund,
Einen Kreis zu schließen
Um der Erde blühndes Rund.
Alle Stern' in Lüften
Sind ein Liebesblick der Nacht,
In des Morgens Düften
Sterbend, wann der Tag erwacht.
Alle Weltenflammen,
Der zerstreute Himmelsglanz,
Fließen hell zusammen
In der Sonne Strahlenkranz.
10. O Sonn', O Meer', O Rose!
Author(s): Friedrich Rückert O Sonn', O Meer, O Rose!
Wie, wenn die Sonne triumphierend
Sich hebt über Sterne, die am Himmel stunden,
Ein Schimer nach dem andern leis erblich,
Bis ale sind in einem Glanz geschwunden,
So hab ich, Liebste, dich gefunden:
Du kamst, da war, ws je mein Herz empfunden,
Geschwunden in dich.
O Sonn', O Meer, O Rose!
Wie, wenn des Meeres Arme auftun sich
Den Strömen, die nach ihnen sich gewunden,
Hinein sich diese stürzen brünstiglich,
Bis sie die Ruh in tiefen Schoß gefunden,
So Liebste hab ich dich empfunden:
Such hat mein Herz mit allen Sehnsuchtswunden
Entbunden in dich.
O Sonn', O Meer, O Rose!
Wie wenn in Frühling tausendfältig sich
Ein buntes Grün hat ringend losgewunden,
Ein hadernd Volk, bis Rose, königlich,
Eintretend, es zum Kranz um sich verbunden,
So, Liebste, hab ich dich umwunden:
Der Kranz des Daseins muß sich blühend runden,
Gebunden in dich.
11. Warum willst du and're fragen
Author(s): Friedrich Rückert Warum willst du and're fragen,
Die's nicht meinen treu mit dir?
Glaube nicht, als was dir sagen
Diese beiden Augen hier!
Glaube nicht dem fremden Leuten,
Glaube nicht dem eignen Wahn;
Nicht mein Tun auch sollst du deuten,
Sondern sieh die Augen an!
Schweigt die Lippe deinen Fragen,
Oder zeugt sie gegen mich?
Was auch meine Lippen sagen,
Sieh mein Aug', ich liebe dich!
12. So wahr die Sonne scheinet
Author(s): Friedrich Rückert So wahr die Sonne scheinet,
So wahr die Wolke weinet,
So wahr die Flamme sprüht,
So wahr der Frühling blüht;
So wahr hab' ich empfunden,
Wie ich dich halt' umwunden:
Du liebst mich, wie ich dich,
Dich lieb' ich, wie du mich.
Die Sonne mag verscheinen,
Die Wolke nicht mehr weinen,
Die Flamme mag versprühn,
Der Frühling nicht mehr blühn!
Wir wollen uns umwinden
Und immer so empfinden;
Du liebst mich, wie ich dich,
Dich lieb' ich, wie du mich.