1. Der Freund
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Wer auf den Wogen schliefe,
ein sanft gewiegtes Kind,
kennt nicht des Lebens Tiefe,
vor süßem Träumen blind.
Doch wen die Stürme fassen
zu wildem Tanz und Fest,
wen hoch auf dunklen Straßen
die falsche Welt verläßt:
Der lernt sich wacker rühren,
durch Nacht und Klippen hin -
lernt der das Steuer führen
mit sichrem, ernstem Sinn.
Der ist von echtem Kerne,
erprobt zu Lust und Pein,
der glaubt an Gott und Sterne,
der soll mein Schiffmann sein!
2. Der Musikant
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Wandern lieb' ich für mein Leben,
Lebe eben, wie ich kann,
Wollt ich mir auch Mühe geben,
Paßt es mir doch gar nicht an.
Schöne alte Lieder weiß ich;
In der Kälte, ohne Schuh,
Draußen in die Saiten reiß ich,
Weiß nicht, wo ich abends ruh!
Manche Schöne macht wohl Augen,
Meinet, ich gefiel ihr sehr,
Wenn ich nur was wollte taugen,
So ein armer Lump nicht wär.
Mag dir Gott ein'n Mann bescheren,
Wohl mit Haus und Hof versehn!
Wenn wir zwei zusammen wären,
Möcht mein Singen mir vergehn.
3. Verschwiegene Liebe
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Über Wipfel und Saaten
In den Glanz hinein -
Wer mag sie erraten,
Wer holte sie ein?
Gedanken sich wiegen,
Die Nacht ist verschwiegen,
Gedanken sind frei.
Errät es nur eine,
Wer an sie gedacht
Beim Rauschen der Haine,
Wenn niemand mehr wacht
Als die Wolken, die fliegen -
Mein Lieb ist verschwiegen
Und schön wie die Nacht.
4. Das Ständchen
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Auf die Dächer zwischen blassen
Wolken schaut der Mond herfür,
Ein Student dort auf den Gassen
Singt vor seiner Liebsten Tür.
Und die Brunnen rauschen wieder
Durch die stille Einsamkeit,
Und der Wald vom Berge nieder,
Wie in alter, schöner Zeit.
So in meinen jungen Tagen
Hab ich manche Sommernacht
Auch die Laute hier geschlagen
Und manch lust'ges Lied erdacht.
Aber von der stillen Schwelle
Trugen sie mein Lieb zur Ruh,
Und du, fröhlicher Geselle,
Singe, sing nur immer zu!
5. Der Soldat I
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Ist auch schmuck nicht mein Rößlein,
so ist's doch recht klug,
trägt im Finstern zu 'nem Schlößlein
mich rasch noch genug.
Ist das Schloß auch nicht prächtig,
zum Garten aus der Tür
tritt ein Mädchen doch allnächtig
dort freundlich herfür.
Und ist auch die Kleine
nicht die Schönst' auf der Welt,
so giebt's doch just Keine,
die mir beßer gefällt.
Und spricht sie vom Freien,
so schwing' ich mich auf mein Roß -
ich bleibe im Freien,
und sie auf dem Schloß.
7. Die Zigeunerin
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Am Kreuzweg da lausche ich, wenn die Stern'
und die Feuer im Walde verglommen,
und wo der erste Hund bellt von fern,
da wird mein Bräut'gam herkommen.
La, la, la, la.
"Und als der Tag graut', durch das Gehölz
sah ich eine Katze sich schlingen,
ich schoß ihr auf den nußbraunen Pelz,
wie tat die weit überspringen!
Ha, ha, ha, ha, ha!"
Schad' nur ums Pelzlein, du kriegst mich nit!
mein Schatz muß sein wie die andern:
braun und ein Stutzbart auf ung'rischen Schnitt
und ein fröhliches Herze zum Wandern.
La, la, la, la.
8. Nachtzauber
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Hörst du nicht die Quellen gehen
zwischen Stein und Blumen weit
nach den stillen Waldesseen,
wo die Marmorbilder stehen
in der schönen Einsamkeit?
Von den Bergen sacht hernieder,
weckend die uralten Lieder,
steigt die wunderbare Nacht,
und die Gründe glänzen wieder,
wie du's oft im Traum gedacht.
Kennst die Blume du, entsprossen
in dem mondbeglänzten Grund
Aus der Knospe, halb erschlossen,
junge Glieder blühendsprossen,
weiße Arme, roter Mund,
und die Nachtigallen schlagen
und rings hebt es an zu klagen,
ach, vor Liebe todeswund,
von versunk'nen schönen Tagen -
komm, o komm zum stillen Grund!
Komm! Komm!
9. Der Schreckenberger
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Aufs Wohlsein meiner Dame,
eine Windfahn' ist ihr Panier,
Fortuna ist ihr Name,
das Lager ihr Quartier!
Und wendet sie sich weiter,
ich kümmre mich nicht drum,
da draußen ohne Reiter,
da geht die Welt so dumm.
Statt Pulverblitz und Knattern
aus jedem wüsten Haus
Gevattern sehn und schnattern
alle Lust zum Land hinaus.
Fortuna weint vor Ärger,
es rinnet Perl' auf Perl';
»Wo ist der Schreckenberger?
Das war ein andrer Kerl!«
Sie tut den Arm mir reichen,
Fama bläst das Geleit,
so zu dem Tempel steigen
wir der Unsterblichkeit.
10. Der Glücksritter
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Wenn Fortuna spröde tut,
laß' ich sie in Ruh',
singe recht und trinke gut,
und Fortuna kriegt auch Mut,
setzt sich mit dazu.
Doch ich geb' mir keine Müh':
»He, noch eine her!«
kehr' den Rücken gegen sie,
laß' hoch leben die und die
das verdrießt sie sehr.
Und bald rückt sie sacht zu
mir: »Hast du deren mehr?«
»Wie Sie seh'n, drei Kannen schier,
und das lauter Klebebier!
's wird mir gar nicht schwer.«
Drauf sie zu mir lächelt fein:
»Bist ein ganzer Kerl!«
ruft den Kellner, schreit nach Wein,
trinkt mir zu und schenkt mir ein,
echte Blum' und Perl'.
Sie bezahlet Wein und Bier,
und ich, wieder gut,
führe sie am Arm mit mir
aus dem Haus wie'n Kavalier,
alles zieht den Hut.
11. Lieber alles
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Soldat sein ist gefährlich,
studieren sehr beschwerlich,
das Dichten süß und zierlich,
der Dichter gar possierlich
in diesen wilden Zeiten.
Ich möcht' am liebsten reiten,
ein gutes Schwert zur Seiten,
die Laute in der Rechten,
Studentenherz zum Fechten.
Ein wildes Roß ist's Leben,
die Hufe Funken geben,
wer's ehrlich wagt, bezwingt es,
und wo es tritt, da klingt es!
12. Heimweh
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Wer in die Fremde will wandern,
der muß mit der Liebsten gehn,
es jubeln und lassen die andern
dem Fremden alleine stehn.
Was wisset ihr, dunkle Wipfel,
von der alten, schönen Zeit?
Ach, die Heimat hinter den Gipfeln,
wie liegt sie von hier so weit?
Am liebsten betracht' ich die Sterne,
die schienen, wie ich ging zu ihr,
die Nachtigall hör' ich so gerne,
sie sang vor der Liebsten Tür.
Der Morgen, das ist meine Freude!
Da steig' ich in stiller Stund'
auf den höchsten Berg in die Weite,
grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund!
13. Der Scholar
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Bei dem angenehmsten Wetter
singen alle Vogelein,
klatscht der Regen auf die Blätter,
sing ich so für mich allein.
Denn mein Aug' kann nichts entdecken,
wenn der Blitz auch grausam glüht,
was im Wandern könnt' erschrecken
ein zufriedenes Gemüt.
Frei vom Mammon will ich schreiten
auf dem Feld der Wissenschaft,
sinne ernst und nehm' zu Zeiten
einen Mund voll Rebensaft.
Bin ich müde vom Studieren,
wann der Mond tritt sanft herfür,
pfleg' ich dann zu musizieren
vor der Allerschönsten Tür.
14. Der verzweifelte Liebhaber
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Studieren will nichts bringen,
mein Rock hält keinen Stich,
meine Zither will nicht klingen,
mein Schatz, der mag mich nicht.
Ich wollt', im Grün spazierte
die allerschönste Frau,
ich wär' ein Drach' und führte
sie mit mir fort durchs Blau.
Ich wollt', ich jagt' gerüstet
und legt' die Lanze aus,
und jagte alle Philister
zur schönen Welt hinaus.
Ich wollt', ich läg' jetztunder
im Himmel still und weit
und fragt' nach all' dem Plunder
nichts vor Zufriedenheit.
15. Unfall
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Ich ging bei Nacht einst über Land,
ein Bürschlein traf ich draußen,
das hat 'nen Stutzen in der Hand
und zielt auf mich voll Grausen.
Ich renne, da ich mich erbos',
auf ihn in vollem Rasen,
da drückt das kecke Bürschlein los
und ich stürzt' auf die Nasen.
Er aber lacht mir ins Gesicht,
daß er mich angeschossen,
Cupido war der kleine Wicht
das hat mich sehr verdrossen.
16. Liebesglück
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Ich hab' ein Liebchen liebrecht von Herzen,
hellfrische Augen hat's wie zwei Kerzen,
und wo sie spielend streifen das Feld,
ach wie so lustig glänzet die Welt!
Wie in der Waldnacht zwischen den Schlüften
plötzlich die Täler sonnig sich klüften,
funkeln die Ströme, rauscht himmelwärts
blühende Wildnis - so ist mein Herz!
Wie vom Gebirge ins Meer zu schauen,
wie wann der Seefalk, hangend im Blauen,
zuruft der dämmernden Erd' wo sie blieb,
so unermesslich ist rechte Lieb'!
17. Seemanns Abschied
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Ade, mein Schatz, du mocht'st mich nicht,
ich war dir zu geringe.
Einst wandelst du bei Mondenlicht
und hörst ein süßes Klingen:
Ein Meerweib singt, die Nacht ist lau,
die stillen Wolken wandern,
da denk' an mich, 's ist meine Frau,
nun such' dir einen Andern!
Ade, ihr Landsknecht', Musketier'!
wir zieh'n auf wildem Roße,
das bäumt und überschlägt sich schier
vor manchem Felsenschloße.
Der Wassermann bei Blitzesschein
taucht auf in dunklen Nächten,
der Haifisch schnappt, die Möven schrei'n,
das ist ein lustig Fechten!
Streckt nur auf eurer Bärenhaut
daheim die faulen Glieder,
Gott Vater aus dem Fenster schaut,
schickt seine Sündflut wieder!
Feldwebel, Reiter, Musketier,
sie müssen all' ersaufen,
derweil mit frischem Winde wir
im Paradies einlaufen.
18. Erwartung
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Grüß euch aus Herzensgrund:
zwei Augen hell und rein,
zwei Röslein auf dem Mund,
Kleid blank aus Sonnenschein!
Nachtigall klagt und weint,
wollüstig rauscht der Hain,
alles die Liebste meint:
wo weilt sie so allein?
Weil's draußen finster war,
sah ich viel hellern Schein,
jetzt ist es licht und klar,
ich muß im Dunkeln sein.
Sonne nicht steigen mag,
sieht so verschlafen drein,
wünshcet den ganzen Tag,
daß wieder Nacht möcht' sein.
Liebe geht durch die Luft,
holt fern die Liebste ein;
fort über Berg und Kluft!
und sie wird doch noch mein!
19. Die Nacht
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Nacht ist wie ein stilles Meer,
Lust und Leid und Liebesklagen
kommen so verworren her
in dem linden Wellenschlagen.
Wünsche wie die Wolken sind,
schiffen durch die stillen Räume,
wer erkennt im lauen Wind,
ob's Gedanken oder Träume?
Schließ' ich nun auch Herz und Mund,
die so gern den Sternen klagen,
leise doch im Herzensgrund
bleibt das linde Wellenschlagen.
20. Waldmädchen
Author(s): Josef Karl Benedikt von Eichendorff Bin ein Feuer hell, das lodert
von dem grünen Felsenkranz,
Seewind ist mein Buhl' und fordert
mich zum lust'gen Wirbeltanz,
kommt und wechselt unbeständig,
steigend wild, neigend mild,
meine schlanken Lohen wend' ich:
komm nicht nah' mir, ich verbrenn' dich!
Wo die wilden Bäche rauschen
und die hohen Palmen stehn,
wenn die Jäger heimlich lauschen,
viele Rehe einsam gehn.
Bin ein Reh, flieg' durch die Trümmer,
über die Höh', wo im Schnee
still die letzten Gipfel schimmern,
folg' mir nicht, erjagst mich nimmer!
Bin ein Vöglein in den Lüften,
schwing' mich übers blaue Meer,
durch die Wolken von den Klüften
fliegt kein Pfeil mehr bis hieher.
Und die Au'n, die Felsenbogen,
Waldeseinsamkeit weit,
wie weit, sind versunken in die Wogen,
ach, ich habe mich verflogen!
