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Lyrics


Sheetmusic
Hugo Wolf   W 3

Goethe Lieder

Song cycle
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1. Harfenspieler I

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Wer sich der Einsamkeit ergibt,
 Ach! der ist bald allein;
 Ein jeder lebt, ein jeder liebt
 Und läßt ihn seiner Pein.
 Ja! Laßt mich meiner Qual!
 Und kann ich nur einmal
 Recht einsam sein,
 Dann bin ich nicht allein.

 Es schleicht ein Liebender lauschend sacht,
 Ob seine Freundin allein?
 So überschleicht bei Tag und Nacht
 Mich Einsamen die Pein,
 Mich Einsamen die Qual.
 Ach, werd ich erst einmal
 Einsam in Grabe sein,
 Da läßt sie mich allein!

2. Harfenspieler II

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 An die Türen will ich schleichen,
 Still und sittsam will ich stehn,
 Fromme Hand wird Nahrung reichen,
 Und ich werde weitergehn.
 Jeder wird sich glücklich scheinen,
 Wenn mein Bild vor ihm erscheint,
 Eine Träne wird er weinen,
 Und ich weiß nicht, was er weint.

3. Harfenspieler III

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
 Wer nie die kummervollen Nächte
 Auf seinem Bette weinend saß,
 Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.

 Ihr führt ins Leben uns hinein,
 Ihr laßt den Armen schuldig werden,
 Dann überlaßt ihr ihn der Pein:
 Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.

4. Spottlied aus Wilhelm Meister

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Ich armer Teufel, Herr Baron,
 beneide Sie um Ihren Stand,
 um Ihren Platz so nah dem Thron
 und um manch schön Stück Ackerland,
 um Ihres Vaters festes Schloß,
 um seine Wildbahn und Geschoß.

 Mich armen Teufel, Herr Baron,
 beneiden Sie, so wie es scheint,
 weil die Natur vom Knaben schon
 mit mir es mütterlich gemeint.
 Ich ward, mit leichtem Mut und Kopf,
 zwar arm, doch nicht ein armer Tropf.

 Nun dächt ich, lieber Herr Baron,
 wir ließen's bleiben wie wir sind:
 Sie blieben des Herrn Vaters Sohn,
 und ich blieb meiner Mutter Kind.
 Wir leben ohne Neid un Haß,
 begehren nicht des andern Titel,
 Sie keinen Platz auf dem Parnaß,
 und keinen ich in dem Kapitel.

5. Mignon I

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,
 Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht,
 Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen,
 Allein das Schicksal will es nicht.

 Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf
 Die finstre Nacht, und sie muß sich erhellen,
 Der harte Fels schließt seinen Busen auf,
 Mißgönnt der Erde nicht die tiefverborgnen Quellen.

 Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh,
 Dort kann die Brust in Klagen sich ergießen,
 Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu,
 Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen.

6. Mignon II

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Nur wer die Sehnsucht kennt
 Weiß, was ich leide!
 Allein und abgetrennt
 Von aller Freude,
 Seh ich ans Firmament
 Nach jener Seite.

 Ach! der mich liebt und kennt,
 Ist in der Weite.
 Es schwindelt mir, es brennt
 Mein Eingeweide.
 Nur wer die Sehnsucht kennt
 Weiß, was ich leide!

7. Mignon III

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 So laßt mich scheinen, bis ich werde,
 Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!
 Ich eile von der schönen Erde
 Hinab in jenes feste Haus.

 Dort ruh' ich eine kleine Stille,
 Dann öffnet sich der frische Blick;
 Ich laße dann die reine Hülle,
 Den Gürtel und den Kranz zurück.

 Und jene himmlischen Gestalten
 Sie fragen nicht nach Mann und Weib,
 Und keine Kleider, keine Falten
 Umgeben den verklärten Leib.

 Zwar lebt' ich ohne Sorg' und Mühe,
 Doch fühlt' ich tiefen  Schmerz genung.
 Vor Kummer altert' ich zu frühe;
 Macht mich auf ewig wieder jung!

8. Philine

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Singet nicht in Trauertönen
 Von der Einsamkeit der Nacht.
 Nein, sie ist, o holde Schönen,
 Zur Geselligkeit gemacht.

 Wie das Weib dem Mann gegeben
 Als die schönste Hälfte war,
 Ist die Nacht das halbe Leben
 Und die schönste Hälfte zwar.

 Könnt ihr euch des Tages freuen,
 Der nur Freuden unterbricht?
 Er ist gut, sich zu zerstreuen;
 Zu was anderm taugt er nicht.

 Aber wenn in nächt'ger Stunde
 Süsser Lampe Dämmrung fließt,
 Und vom Mund zum nahen Munde
 Scherz und Liebe sich ergießt;

 Wenn der rasche, lose Knabe,
 Der sonst wild und feurig eilt,
 Oft bei einer kleinen Gabe
 Unter leichten Spielen weilt;

 Wenn die Nachtigall Verliebten
 Liebevoll ein Liedchen singt,
 Das Gefangnen und Betrübten
 Nur wie Ach und Wehe klingt;

 Mit wie leichtem Herzensregen
 Horchet ihr der Glocke nicht,
 Die mit zwölf bedächtgen Schlägen
 Ruh und Sicherheit verspricht.

 Darum an dem langen Tage,
 Merke dir es, liebe Brust;
 Jeder Tag hat seine Plage,
 Und die Nacht hat ihre Lust.

9. Mignon: Kennst du das Land?

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
 Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn,
 Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, 
 Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht? 
 Kennst du es wohl?
 Dahin! dahin
 Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.

 Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach.
 Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,
 Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:
 Was hat man dir, du armes Kind, getan?
 Kennst du es wohl? 
 Dahin! dahin
 Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn.

 Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?
 Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg;
 In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut;
 Es stürzt der Fels und über ihn die Flut! 
 Kennst du ihn wohl?
 Dahin! dahin
 Geht unser Weg! O Vater, laß uns ziehn!

10. Der Sänger

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 "Was hör' ich draußen vor dem Tor,
 Was auf der Brücke schallen?
 Laß den Gesang vor unserm Ohr
 Im Saale widerhallen!"
 Der König sprach's, der Page lief,
 Der Page kam, der König rief:
 "Laßt mir herein den Alten!"

 "Gegrüßet seid mir, edle Herrn,
 Gegrüßt ihr schönen Damen!
 Welch' reicher Himmel! Stern bei Stern!
 Wer kennet ihre Namen?
 Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit
 Schließt, Augen, euch, hier ist nicht Zeit,
 Sich staunend zu ergötzen."

 Der Sänger drückt' die Augen ein
 Und schlug in vollen Tönen:
 Die Ritter schauten mutig drein,
 Und in den Schoß die Schönen.
 Der König, dem das Lied gefiel,
 Ließ, ihn zu lohnen für sein Spiel,
 Eine goldne Kette holen.

 "Die goldne Kette gib mir nicht,
 Die Kette gib den Rittern,
 Vor deren kühnem Angesicht
 Der Feinde Lanzen splittern.
 Gib sie dem Kanzler, den du hast,
 Und laß ihn noch die goldne Last
 Zu andern Lasten tragen.

 "Ich singe, wie der Vogel singt,
 Der in den Zweigen wohnet;
 Das Lied, das aus der Kehle dringt,
 Ist Lohn, der reichlich lohnet.
 Doch darf ich bitten, bitt' ich eins:
 Laß mir den besten Becher Weins
 In purem Golde reichen."

 Er setzt' ihn an, er trank ihn aus:
 "O Trank voll süßer Labe!
 O, wohl dem hochbeglückten Haus,
 Wo das ist kleine Gabe!
 Ergeht's euch wohl, so denkt an mich
 Und danket Gott so warm, als ich
 Für diesen Trunk euch danke."

11. Der Rattenfänger

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Ich bin der wohlbekannte Sänger,
 Der vielgereiste Rattenfänger,
 Den diese altberühmte Stadt
 Gewiß besonders nötig hat.
 Und wären's Ratten noch so viele,
 Und wären Wiesel mit im Spiele,
 Von allen säubr' ich diesen Ort,
 Sie müssen miteinander fort.

 Dann ist der gut gelaunte Sänger
 Mitunter auch ein Kinderfänger,
 Der selbst die wildesten bezwingt,
 Wenn er die goldnen Märchen singt.
 Und wären Knaben noch so trutzig,
 Und wären Mädchen noch so stutzig,
 In meine Saiten greif ich ein,
 Sie müssen alle hinterdrein.

 Dann ist der vielgewandte Sänger
 Gelegentlich ein Mädchenfänger;
 In keinem Städtchen langt er an,
 Wo er's nicht mancher angetan.
 Und wären Mädchen noch so blöde,
 Und wären Weiber noch so spröde,
 Doch allen wird so liebebang
 Bei Zaubersaiten und Gesang.

12. Ritter Kurts Brautfahrt

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Mit des Bräutigams Behagen
 Schwingt sich Ritter Kurt aufs Roß;
 Zu der Trauung solls ihn tragen,
 Auf der edlen Liebsten Schloß;
 Als am öden Felsenorte
 Drohend sich ein Gegner naht;
 Ohne Zögern, ohne Worte
 Schreiten sie zu rascher Tat.

 Lange schwankt des Kampfes Welle,
 Bis sich Kurt im Siege freut;
 Er entfernt sich von der Stelle,
 Überwinder und gebleut.
 Aber was er bald gewahret
 In des Busches Zitterschein!
 Mit dem Säugling still gepaaret,
 Schleicht ein Liebchen durch den Hain.

 Und sie winkt ihm auf das Plätzchen:
 Lieber Herr, nicht so geschwind!
 Habt ihr nichts an Euer Schätzchen,
 Habt ihr nichts für Euer Kind?
 Ihn durchglühet süße Flamme,
 Daß er nicht vorbei begehrt,
 Und er findet nun die Amme,
 Wie die Jungfrau, liebenswert.

 Doch er hört die Diener blasen,
 Denket nun der hohen Braut;
 Und nun wird auf seinen Straßen
 Jahresfest und Markt so laut,
 Und er wählet in den Buden
 Manches Pfand zu Lieb und Huld;
 Aber ach! da kommen Juden
 Mit dem Schein vertagter Schuld.

 Und nun halten die Gerichte
 Den behenden Ritter auf.
 O verteufelte Geschichte!
 Heldenhafter Lebenslauf!
 Soll ich heute mich gedulden?
 Die Verlegenheit ist groß.
 Wildersacher, Weiber, Schulden,
 ach! Kein Ritter wird sie los.

13. Gutmann und Gutweib

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Und morgen fällt Sankt Martins Fest,
 Gutweib liebt ihren Mann;
 da knetet sie ihm Puddings ein
 und bäckt sie in der Pfann.

 Im Bette liegen beide nun,
 da saust ein wilder West;
 und Gutmann spricht zur guten Frau:
 du, riegle die Türe fest.

 Bin kaum erholt und habl erwarmt,
 wie käm ich da zu Ruh;
 und klapperte sie einhundert Jahr,
 ich riegelte sie nicht zu.

 Drauf eine Wette schlossen
 sie ganz leise sich ins Ohr;
 So wer das erste Wörtlein spräch,
 der schöbe den Riegel vor.

 Zwei Wanderer kommen um Mitternacht
 und wissen nicht, wo sie stehn,
 die Lampe losch, der Herd verglomm,
 zu hören ist nichts, zu sehn.

 Was ist das für ein Hexenort?
 da bricht uns die Geduld!
 Doch hörten sie kein Sterbenswort,
 des war die Türe schuld.

 Den weißen Pudding speisten sie,
 den schwarzen ganz vertraut.
 Und Gutweib sagt sich selberviel,
 doch keine Silbe laut.

 Zu diesem sprach der jene dann:
 wie trocken ist mir der Hals!
 Der Schrank, der klafft, und geistig riechts's,
 da findet sich's allenfalls.

 Ein Fläschen Schnaps ergreif ich da,
 das trifft sich doch geschickt!
 Ich bring es dir, du bringst es mir,
 und bald sind wir erquickt.

 Doch Gutmann sprang so heftig auf
 unf fuhr sie drohend an:
 bezahlen soll mit teurem Geld,
 wer mir den Schnaps vertain!

 Und Gutweib sprang auch froh heran,
 drei Sprünge, als wär sie reich:
 Du, Gutmann, sprachst das erste Wort,
 nun riegle die Türe gleich!

14. Cophtisches Lied I

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Laßet Gelehrte sich zanken und streiten,
 streng und bedächtig die Lehrer auch sein!
 Alle die Weisesten aller der Zeiten 
 lächeln und winken und stimmen mit ein:
 Töricht, auf Beßrung der Toren zu harren!
 Kinder der Klugheit, o habet die Narren
 eben zum Narren auch, wie sich's gehört!

 Merlin der Alte, im leuchtenden Grabe,
 wo ich als Jüngling gesprochen ihn habe,
 hat mich mit ähnlicher Antwort belehrt:
 Töricht, auf Beßrung der Tonen zu harren!
 Kinder der Klugheit, o habet die Narren
 eben zum Narren auch, wie sich's gehört!

 Und auf den Höhen der indischen Lüfte
 und in den Tiefen ägyptischer Grüfte
 hab ich das heilige Wort nur gehört:
 Töricht, auf Beßrung der Toren zu harren!
 Kinder der Klugheit, o habet die Narren
 eben zum Narren auch, wie sich's gehört!

15. Cophtisches Lied II

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Geh! Gehorche meinen Winken,
 nutze deine jungen Tage,
 lerne zeitig klüger sein;
 auf des Glückes großer Wage
 steht die Zunge selten ein;
 Du mußt steigen oder sinken,
 du mußt herrschen und gewinnen,
 oder dienen und verlieren,
 leiden oder triumphieren,
 Amboß oder Hammer sein.

16. Frech und froh I

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Mit Mädchen sich vertragen,
 mit Männern rumgeschlagen,
 und mehr Kredit als Geld:
 so kommtt man durch die Welt.

 Mit vielem läßt sich schmausen,
 mit wenig läßt sich hausen;
 daß wenig vieles sei,
 schafft nur die Lust herbei.

 Will sie sich nicht bequemen,
 so müßt ihrs eben nehmen.
 Will einer nicht vom Ort,
 so jagt ihn grade fort.

 Laßt alle nur mißgönnen,
 was sie nicht nehmen können,
 und seid von Herzen froh;
 das ist das A und O.

 So fahret fort zu dichten,
 euch nach der Welt zu richten.
 Bedenkt in Wohl und Weh
 dies goldne A B C.

17. Frech und froh II

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Liebesqual verschmäht mein Herz,
 sanften Jammer, süßen Schmerz;
 nur vom Tüchtgen will ich wissen,
 heißem Äugeln, derben Küssen.

 Sei ein armer Hund erfrischt
 von der Lust, mit Pein gemischt!
 Mädchen, gib der frischen Brust
 nichts von Pein, und alle Lust.

18. Beherzigung

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Ach, was soll der Mensch verlangen?
 Ist es besser, ruhig bleiben?
 Klammernd fest sich anzuhangen?
 Ist es besser, sich zu treiben?

 Soll er sich ein Häuschen bauen?
 Soll er unter Zelten leben?
 Soll er auf die Felsen trauen?
 Selbst die festen Felsen beben.

 Eines schickt sich nicht für alle;
 Sehe jeder, wie er's treibe,
 Sehe jeder, wo er bleibe,
 Und wer steht, daß er nicht falle!

19. Epiphanias

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Die heiligen drei König mit ihrem Stern,
 Sie essen, sie trinken, und bezahlen nicht gern;
 Sie essen gern, sie trinken gern,
 Sie essen, trinken und bezahlen nicht gern.
 Die heiligen drei König sind kommen allhier,
 Es sind ihrer drei und sind nicht ihrer vier:
 Und wenn zu dreien der vierte wär,
 So wär ein heilger Drei König mehr.

 Ich erster bin der weiß und auch der schön,
 Bei Tage solltet ihr erst mich sehn!
 Doch ach, mit allen Spezerein
 Werd ich sein Tag kein Mädchen mir erfrein.
 Ich aber bin der braun und bin der lang,
 Bekannt bei Weibern wohl und bei Gesang.
 Ich bringe Gold statt Spezerein,
 Da werd ich überall willkommen sein.

 Ich endlich bin der schwarz und bin der klein,
 Und mag auch wohl einmal recht lustig sein.
 Ich esse gern, ich trinke gern,
 Ich esse, trinke und bedanke mich gern.
 Die heiligen drei König sind wohlgesinnt,
 Sie suchen die Mutter und das Kind;
 Der Joseph fromm sitzt auch dabei, 
 Der Ochs und Esel liegen auf der Streu.

 Wir bringen Myrrhen, wir bringen Gold,
 Dem Weihrauch sind die Damen hold;
 Und haben wir Wein von gutem Gewächs,
 So trinken wir drei so gut als ihrer sechs.
 Da wir nun hier schöne Herrn und Fraun,
 Aber keine Ochsen und Esel schaun,
 So sind wir nicht am rechten Ort
 Und ziehen unseres Wegen weiter fort.

20. St. Nepomuks Vorabend

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Lichtlein schwimmen auf dem Strome,
 Kinder singen auf der Brücken,
 Glocke, Glöckchen fügt vom Dome
 Sich der Andacht, dem Entzücken.

 Lichtlein schwinden, Sterne schwinden;
 Also löste sich die Seele
 Unsres Heilgen; Nicht verkünden
 Durft er anvertraute Fehle.
 
 Lichtlein, schwimmet! Spielt, ihr Kinder!
 Kinderchor, o singe, singe!
 Und verkündiget nicht minder,
 Was den Stern zu Sternen bringe!

21. Genialisch Treiben

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 So wälz ich ohne Unterlaß,
 Wie Sankt Diogenes, mein Faß.
 Bald ist es Ernst, bald ist es Spaß;
 Bald ist es Lieb, bald ist es Haß;
 Bald ist es dies, bald ist es das;
 Es ist ein Nichts, und ist ein Was.
 So wälz ich ohne Unterlaß,
 Wie Sankt Diogenes, mein Faß.

22. Der Schäfer

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Es war ein fauler Schäfer,
 Ein rechter Siebenschläfer,
 Ihn kümmerte kein Schaf.

 Ein Mädchen konnt ihn fassen,
 Da war der Tropf verlassen,
 Appetit und Schlaf!

 Es trieb ihn in die Ferne,
 Des nachts zählt er die Sterne,
 Er klagt und härmt sich brav.

 Nun da sie ihn genommen, 
 Ist alles wieder kommen,
 Durst, Appetit und Schlaf.

23. Der neue Amadis

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Als ich noch ein Knabe war,
 Sperrte man mich ein;
 Und so saß ich manches Jahr
 Über mir allein, 
 Wie im Mutterleib.
 Doch du warst mein Zeitvertreib,
 Goldne Phantasie,
 Und ich war ein warmer Held,
 Wie der Prinz Pipi,
 Und durchzog die Welt.

 Baute manch kristallen Schloß
 Und zerstört es auch,
 Warf mein blinkendes Geschoß
 Drachen durch den Bauch,
 Ja, ich war ein Mann!
 Ritterlich befreit ich dann
 Die Prinzessin Fisch;
 Sie war gar zu obligeant,
 Führte mich zu Tisch,
 Und ich war galant.

 Und ihr Kuß war Götterbrot,
 Glühend wie der Wein.
 Ach! Ich liebte fast mich tot!
 Rings mit Sonnenschein
 War sie emailliert.
 Ach! wer hat sie mir entführt?
 Hielt kein Zauberband
 Sie zurück vom schnellen Fliehn?
 Sagt, wo ist ihr Land?
 Wo der Weg dahin?

24. Blumengruß

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Der Strauß, den ich gepflückt,
 Grüße dich viel tausendmal!
 Ich habe mich oft gebücket,
 Ach, wohl eintausendmal,
 Und ihn ans Herz gedrücket
 Wie hunderttausendmal!

25. Gleich und gleich

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Ein Blumenglöckchen vom Boden hervor
 War früh gesprosset in lieblichem Flor;
 Da kam ein Bienchen und naschte fein:
 Die müssen wohl beide für einander sein.

26. Die Spröde

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 An dem reinsten Frühlingsmorgen
 Ging die Schäferin und sang,
 Jung und schön und ohne Sorgen,
 Daß es durch die Felder klang,
 So lala! Lerallala!

 Thyrsis bot ihr für ein Mäulchen
 Zwei, drei Schäfchen gleich am Ort,
 Schalkhaft blickte sie ein Weilchen;
 Doch sie sang und lachte fort:
 So lala! Lerallala!

 Und ein Andrer bot ihr Bänder, 
 Und der Dritte bot sein Herz;
 Doch sie trieb mit Herz und Bändern
 So wie mit den Lämmern Scherz,
 Nur lala! Lrallala!

27. Die Bekehrte

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Bei dem Glanz der Abendröte
 Ging ich still den Wald entlang,
 Damon saß und blies die Flöte,
 Daß es von den Felsen klang,
 So la la! . . .

 Und er zog mich an sich nieder,
 Küßte mich so hold und süß.
 Und ich sagte: Blase wieder!
 Und der gute Junge blies,
 So la la! . . .

 Meine Ruhe ist nun verloren,
 Meine Freude floh davon,
 Und ich höre vor meinen Ohren
 Immer nur den alten Ton,
 So la la, le ralla! . . .

28. Frühling übers Jahr

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Das Beet, schon lockert sichs in die Höh!
 Da wanken Glöckchen so weiß wie Schnee;
 Safran entfalltet gewaltge Glut,
 Smaragden keimt es und keimt wie Blut;

 Primeln stolzieren so naseweis,
 Schalkhafte Veilchen, versteckt mit Fleiß;
 Was such noch alles da regt und webt,
 Genug, der Frühling, er wirkt und lebt.

 Doch was im Garten am reichsten blüht,
 Das ist des Liebchens lieblich Gemüt.
 Da glühen Blicke mir immerfort,
 Erregend Liedchen, erheiternd Wort,

 Ein immer offen, ein Blütenherz,
 Im Ernste freundlich und rein im Scherz.
 Wenn Ros und Lilie der Sommer bringt,
 Er doch vergebens mit Liebchen ringt.

29. Anakreons Grab

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Wo die Rose hier blüht,
 wo Reben um Lorbeer sich schlingen,
 Wo das Turtelchen lockt,
 wo sich das Grillchen ergötzt,
 Welch ein Grab ist hier,
 das alle Götter mit Leben
 Schön bepflanzt und geziert?
 Es ist Anakreons Ruh.
 Frühling, Sommer, und Herbst
 genoß der glückliche Dichter;
 Vor dem Winter hat ihn endlich
 der Hügel geschützt.

30. Dank des Paria

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Großer Brahma! Nun erkenn ich,
 Daß du Schöpfer bist der Welten!
 Dich als meinen Herrscher nenn ich;
 Denn du läßest alle gelten.

 Und verschließest auch dem Letzten
 Keines von den tausend Ohren;
 Uns, die tief herabgesetzten, 
 Alle hast du neu geboren.

 Wendet euch zu dieser Frauen,
 Die der Schmerz zur Göttin wandelt!
 Nun beharr ich anzuschauen
 Den, der einzig wirkt und handelt.

31. Königlich Gebet

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Ha, ich bin der Herr der Welt!
 Mich lieben die Edlen, die mir dienen.
 Ha, ich bin der Herr der Welt!
 Ich liebe die Edlen, denen ich gebiete.
 O gib mir, Gott im Himmel,
 Daß ich mich der Höh und Liebe
 Nicht überhebe.

32. Phänomen

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Wenn zu der Regenwand
 Phöbus sich gattet,
 Gleich steht ein Bogenrand
 Farbig beschattet.

 Im Nebel gleichen Kreis 
 Seh ich gezogen;
 Zwar ist der Bogen weiß,
 Doch Himmelsbogen.

 So sollst du, muntrer Greis,
 Dich nicht betrüben:
 Sind gleich die Haare weiß,
 Doch wirst du lieben.

33. Erschaffen und Beleben

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Hans Adam war ein Erdenkloß
 Den Gott zum Menschen machte,
 Doch bracht er aus der Mutter Schoß
 Noch vieles Ungeschlachte.

 Die Elohim zur Nas hinein
 Den besten Geist ihm bliesen,
 Nun schien er schon was mehr zu sein,
 Denn er fing an zu niesen.

 Doch mit Gebien und Glied und Kopf
 Blieb er ein halber Klumpen,
 Bis endlich Noah für den Tropf
 Das Wahre fand, den Humpen.

 Der Klumpe fühlt sogleich den Schwung,
 Sobald er sich benetzet,
 So wie der Teig durch Säuerung
 Sich in Bewegung setzet.

 So, Hafis, mag dein holder Sang,
 Dein heiliges Exempel
 Uns führen, bei der Gläser Klang,
 Zu unsres Schöpfers Tempel.

34. Ob der Koran von Ewigkeit sei

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Ob der Koran von Ewigkeit sei?
 Darnach frag ich nicht!
 Ob der Koran geschaffen sei?
 Das weiß ich nicht!
 Daß er das Buch der Bücher sei,
 Glaub ich aus Mosleminenpflicht.

 Daß aber der Wein von Ewigkeit sei,
 Daran zweifl' ich nicht;
 Oder daß er vor den Engeln geschaffen sei,
 Ist vielleicht auch kein Gedicht.
 Der Trinkende, wie es auch immer sei,
 Blickt Gott frischer ins Angesicht.

35. Trunken müssen wir alle sein

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Trunken müssen wir alle sein!
 Jugend ist Trunkenheit ohne Wein;
 Trinkt sich das Alter wieder zu Jugend,
 So ist es wundervolle Tugend.

 Für Sorgen sorgt das liebe Leben,
 Und Sorgenbrecher sind die Reben.
 Da wird nicht mehr nachgefragt!
 Wein ist ernstlich untersagt.

 Soll denn doch getrunken sein,
 Trinke nur vom besten Wein!
 Doppelt wärest du ein Ketzer
 In Verdammnis um den Krätzer.

 Trunken müssen wir alle sein,
 Trunken! Trunken!

36. So lang man nüchtern ist

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 So lang man nüchtern ist, gefällt das Schlechte;
 Wie man getrunken hat, weiß man das Rechte;
 Nur ist das Übermaß auch gleich zuhanden:
 Hafis, o lehre mich, wie du's verstanden.

 Denn meine Meinung ist nicht übertrieben:
 Wenn man nicht trinken kann, soll man nicht lieben;
 Doch sollt ihr Trinker euch nicht besser dünken:
 Wenn man nicht lieben kann, soll man nicht trinken.

37. Sie haben wegen der Trunkenheit

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Sie haben wegen der Trunkenheit
 vielfältig uns verklagt
 Und haben von unsrer Trunkenheit
 lange nicht genug gesagt.
 Gewöhnlich der Betrunkenheit
 erliegt man, bis es tagt;
 Doch hat mich meine Betrunkenheit
 in der Nacht umhergejagt.
 Es ist die Liebestrunkenheit,
 die mich erbärmlich plagt,
 Von Tag zu Nacht, von Nacht zu Tag
 in meinem Herzen zagt,
 Dem Herzen, das in Trunkenheit
 der Lieder schwillt und ragt,
 Daß keine nüchterne Trunkenheit
 sich gleich zu heben wagt.
 Lieb'-, Lied- und Weines- Trunkenheit,
 obs nachtet oder tagt,
 Die göttlichste Betrunkenheit,
 die mich entzückt und plagt.

38. Was in der Schenke waren heute

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Was in der Schenke waren heute
 Am frühsten Morgen für Tumulte!
 Der Wirt und Mädchen! Fackeln, Leute!
 Was gab's für Händel,für Insulte!

 Die Flöte klang, die Trommel scholl!
 Das war ein wüstes Wesen;
 Doch bin ich, Lust und Liebevoll,
 Auch selbst dabei gewesen.

 Daß ich von Sitte nichts gelernt,
 Darüber tadelt mich ein jeder;
 Doch bleib ich weislich weit entfernt
 Vom Streit der Schulen und Katheder.

39. Nicht Gelegenheit macht Diebe

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Nicht Gelegenheit macht Diebe,
 Sie ist selbst der größte Dieb;
 Denn sie stahl den Rest der Liebe,
 Die mir noch im Herzen blieb.

 Dir hat sie ihn übergeben,
 Meines Lebens Vollgewinn,
 Daß ich nun, verarmt, mein Leben
 Nur von dir gewärtig bin.

 Doch ich fühle schon Erbarmen
 Im Karfunkel deines Blicks,
 Und erfreu in deinen Armen
 Mich erneuerten Geschicks.

40. Hochbeglückt in deiner Liebe

Author(s): Marianne von Willemer

 Hochbeglückt in deiner Liebe
 Schelt ich nicht Gelegenheit,
 Ward sie gleich an dir zum Diebe,
 Wie mich solch ein Raub erfreut!

 Und wozu denn auch berauben?
 Gib dich mir aus freier Wahl;
 Gar zu gerne möcht ich glauben:
 Ja, ich bin's, die dich bestahl.

 Was so willig du gegeben,
 Bringt dir herrlichen Gewinn;
 Meine Ruh, mein reiches Leben
 Geb ich freudig, nimm es hin!

 Scherze nicht! Nichts von Verarmen!
 Macht uns nicht die Liebe reich?
 Halt ich dich in meinen Armen,
 Jedem Glück ist meines gleich.

41. Als ich auf dem Euphrat schiffte

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Suleika:
 Als ich auf dem Euphrat schiffte,
 Streifte sich der goldne Ring 
 Finger ab, in Wasserklüfte,
 Den ich jüngst von dir empfing.
 
 Also träumt ich. Morgenröte
 Blitzt' ins Auge durch den Baum,
 Sag, Poete, sag, Prophete!
 Was bedeutet dieser Traum?

42. Dies zu deuten bin erbötig

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Hatem:
 Dies zu deuten bin erbötig!
 Hab ich dir nicht oft erzählt,
 Wie der Doge von Venedig
 Mit dem Meere sich vermählt?

 So von deinen Fingergliedern 
 Fiel der Ring dem Euphrat zu.
 Ach, zu tausend Blumelsliedern,
 Süßer Traum, begeisterst du!

 Mich, der von des Indostanen
 Streifte bis Damaskus hin, 
 Um mit neuen Karawanen
 Bis ans rote Meer zu ziehn,

 Mich vermählst du deinem Fluße,
 Der Terrasse diesem Hain:
 Hier soll bis zum letzten Kuße
 Dir mein Geist gewidmet sein.

43. Hätt ich irgend wohl Bedenken

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Hätt ich irgend wohl Bedenken,
 Balch, Bokhara, Samarkand,
 Süßes Liebchen, dir zu schenken
 Dieser Städte Rausch und Tand?

 Aber frag einmal den Kaiser,
 Ob er dir die Städte gibt?
 Er ist herrlicher und weiser;
 Doch er weiß nicht, wie man liebt.

 Herrscher, zu dergleichen Gaben
 Nimmermehr bestimmst du dich!
 Solch ein Mädchen muß man haben
 Und ein Bettler sein wie ich.

44. Komm, Liebchen, komm

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Komm, Liebchen, komm! Umwinde mir die Mütze!
 Aus deiner Hand nur ist der Dulbend schön.
 Hat Abbas doch, auf Irans höchstem Sitze,
 Sein Haupt nicht zierlicher umwinden sehn!

 Ein Dulbend war das Band, das Alexandern
 In Schleifen schön vom Haupte fiel,
 Und allen Folgeherrschern, jenen andern,
 Als Königzierde wohlgefiel.

 Dulbend ist's, der unsern Kaiser schmücket,
 Sie nennen's Krone. Name geht wohl hin!
 Juwel und Perle! sei das Aug entzücket:
 Der schönste Schmuck ist stets der Muselin.

 Und diesen hier, ganz rein und silberstreifig,
 Umwinde, Liebchen, um die Stirn umher.
 Was ist denn Hoheit? Mir ist sie geläufig!
 Du schaust mich an, ich bin so groß als Er.

45. Wie sollt ich heiter bleiben

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Wie sollt ich heiter bleiben,
 Entfernt von Tag und Licht?
 Nun aber will ich schreiben,
 Unt trinken mag ich nicht.

 Wenn sie mich an sich lockte,
 War Rede nicht im Brauch,
 Und wie die Zunge stockte
 So stockt die Feder auch.

 Nur zu! Geliebter Schenke,
 Den Becher fülle still!
 Ich sage nur: Gedenke!
 Schon weiß man, was ich will.

46. Wenn ich dein gedenke

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Wenn ich dein gedenke, 
 Fragt mich gleich der Schenke:
 Herr, warum so still?
 Da von deinen Lehren
 immer weiter hören
 Saki gerne will.

 Wenn ich mich vergesse 
 Unter der Zypresse,
 Hält er nichts davon;
 Und im stillen Kreise
 Bin ich doch so weise,
 Klug wie Salomon.

47. Locken, haltet mich gefangen

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Locken, haltet mich gefangen
 In dem Kreise des Gesichts!
 Euch geliebten braunen Schlangen
 Zu erwidern hab ich nichts.

 Nur dies Herz, es ist von Dauer,
 Schwillt in jugendlichstem Flor;
 Unter Schnee und Nebelschauer
 Rast ein Ätna dir hervor.

 Du beschämst wie Morgenröte
 Jener Gipfel ernste Wand,
 Und noch einmal fühlet Hatem
 Frühlingshauch und Sommerbrand.

 Schenke her! Noch eine Flasche!
 Diesen Becher bring ich Ihr!
 Findet sie ein Häufchen Asche,
 Sagt sie: Der verbrannte mir.

48. Nimmer will ich dich verlieren

Author(s): Marianne von Willemer

 Nimmer will ich dich verlieren!
 Liebe gibt der Liebe Kraft.
 Magst du meine Jugend zieren
 Mit gewaltiger Leidenschaft.

 Ach! Wie schmeichelt's meinem Triebe,
 Wenn man meinen Dichter preist!
 Denn das Leben ist die Liebe,
 Und des Lebens Leben Geist.

49. Prometheus

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Bedecke deinen Himmel, Zeus,
 Mit Wolkendunst
 Und übe, dem Knaben gleich,
 Der Disteln köpft,
 An Eichen dich und Bergeshöh'n;
 Mußt mir meine Erde
 Doch lassen stehn
 Und meine Hütte, die du nicht gebaut,
 Und meines Herd,
 Um dessen Glut
 Du mich beneidest.

 Ich kenne nichts Ärmeres
 Unter der Sonn', als euch, Götter!
 Ihr nähret kümmerlich
 Von Opfersteuern
 Und Gebetshauch
 Eure Majestät
 Und darbtet, wären
 Nicht Kinder und Bettler
 Hoffnungsvolle Toren.

 Da ich ein Kind war
 Nicht wußte, wo aus noch ein,
 Kehrt' ich mein verirrtes Auge
 Zur Sonne, als wenn drüber wär'
 Ein Ohr, zu hören meine Klage,
 Ein Herz wie meins,
 Sich des Bedrängten zu erbarmen.

 Wer half mir
 Wider der Titanen Übermut?
 Wer rettete vom Tode mich,
 Von Sklaverei?
 Hast du nicht alles selbst vollendet
 Heilig glühend Herz?
 Und glühtest jung und gut,
 Betrogen, Rettungsdank
 Dem Schlafenden da droben?

 Ich dich ehren? Wofür?
 Hast du die Schmerzen gelindert
 Je des Beladenen?
 Hast du die Tränen gestillet
 Je des Geängsteten?
 Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
 Die allmächtige Zeit
 Und das ewige Schicksal,
 Meine Herrn und deine?

 Wähntest du etwa,
 Ich sollte das Leben hassen,
 In Wüsten fliehen,
 Weil nicht alle
 Blütenträume reiften?

 Hier sitz' ich, forme Menschen
 Nach meinem Bilde.
 Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
 Zu leiden, zu weinen,
 Zu genießen und zu freuen sich
 Und dein nicht zu achten,
 Wie ich!

50. Ganymed

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Wie im Morgenglanze
 Du rings mich anglühst,
 Frühling, Geliebter!
 Mit tausendfacher Liebeswonne
 Sich an mein Herz drängt
 Deiner ewigen Wärme
 Heilig Gefühl,
 Unendliche Schöne!
 
 Daß ich dich fassen möcht'
 In diesen Arm!

 Ach, an deinem Busen
 Lieg' ich und schmachte,
 Und deine Blumen, dein Gras
 Drängen sich an mein Herz.
 Du kühlst den brennenden
 Durst meines Busens,
 Lieblicher Morgenwind!
 Ruft drein die Nachtigall
 Liebend nach mir aus dem Nebeltal.

 Ich komm', ich komme!
 Wohin? Ach, wohin?

 Hinauf! Hinauf strebt's.
 Es schweben die Wolken
 Abwärts, die Wolken
 Neigen sich der sehnenden Liebe.
 Mir! Mir!
 In eurem Schosse
 Aufwärts!
 Umfangend umfangen!
 Aufwärts an deinen Busen,
 Alliebender Vater!

51. Grenzen der Menschheit

Author(s): Johann Wolfgang von Goethe

 Wenn der uralte
 Heilige Vater
 Mit gelassener Hand
 Aus rollenden Wolken
 Segnende Blitze
 Über die Erde sät,
 Küß' ich den letzten
 Saum seines Kleides,
 Kindliche Schauer
 Tief in der Brust.

 Denn mit Göttern
 Soll sich nicht messen
 Irgendein Mensch.
 Hebt er sich aufwärts
 Und berührt
 Mit dem Scheitel die Sterne,
 Nirgends haften dann
 Die unsichern Sohlen,
 Und mit ihm spielen
 Wolken und Winde.

 Steht er mit festen
 Markigen Knochen
 Dauerndem Erde,
 Reicht er nicht auf,
 Nur mit der Eiche
 Oder der Rabe
 Sich zu vergleichen.

 Was unterscheidet
 Götter von Menschen?
 Daß viele Wellen
 Vor jenen wandeln,
 Ein ewiger Strom:
 Uns hebt die Welle,
 Verschlingt die Welle,
 Und wir versinken.

 Ein kleiner Ring
 Begrenzt unser Leben,
 Und viele Geschlechter
 Reihen sich dauernd
 An ihres Daseins
 Unendliche Kette.


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